Vor der Imago - die letzte Häutung
Text zum Stück von Hannes Schmidt


In vielen ihrer Arbeiten als bildende Künstlerin beschäftigt sich Judith Egger mit Prozessen des Wachsens,
Werdens und der Verwandlung.

Das Stück VOR DER IMAGO – DIE LETZTE HÄUTUNG ist eine Fortsetzung dieser Auseinandersetzung.
In einem zum alchemistischen Labor aufgebauten Tableau versuchen sich sieben Adepten mit den Mitteln
von Musik, Sprache und Kunst aus einengenden Kokons, Häuten, Konventionen, Lebenskonzepten zu befreien.
Die Bühne wird zum Ort brodelnder, zischender und stinkender Metamorphosen:
Zwei Musiker hängen als Riesentropfen von der Decke – wie schaffen sie es,
sich aus ihren Kokons herauszuspielen?
Ein Dichter fällt aus der Rolle – kann er sich über die Sprache hinaus entwickeln?
Eine Frau kämpft sich durch den Verdauungsgang – oder ist es eine Wursthaut?
Ein Schlagwerk rumpelt im Uterus.
Ein Paar probt die Vereinigung im Elektrolysebad.
Eine Laborantin knetet und backt in reiner Handarbeit die schönsten Homunkuli…

Die Dramaturgie folgt den Arbeitsschritten, welche die Alchemie zum Gelingen des „Großen Werks" vorschreibt –
der Herstellung des Steins der Weisen. Unterschiedliche Farbstimmungen zeigen die Phasen des Transformationsprozesses an.
Den Schmelz- und Destillationsvorgängen auf der stofflichen Ebene entsprechen Läuterungsprozesse auf der geistig-seelischen.
Gelungen ist das Werk, wenn es den vermeintlichen Gegensatz von Geist und Materie überwindet.
Ob dies den Adepten gelingt, bleibt jedoch offen.

 

Wir armen Menschen," sagt Basilius Valentinus (Alchemist des 16. Jh.), „werden für unsere Sünden allhier durch den Tod, den wir wohl verdient, in das Irdische, nämlich das Erdreich, eingesalzen, bis so lange wir durch die Zeit purificirt werden und verfaulen, und dann hinwiederum endlich durch das himmlische Feuer und Wärme auferweckt, clarificirt und erhoben werden zu der himmlischen Sublimation und Erhöhung, da alle Fäces, Sünden und Unreinigkeiten abgesondert bleiben."

(siehe H.Kopp.II., S 236 zitiert in Justus von Liebig: Chemische Briefe 1878, Vierter Brief)